20.01.07

Kichermädchen und Kichernde Erbsen

Der Reiseführer

Es macht schon einen grossen Unterschied, wenn man zum ersten Mal in einem neuen Land ist und jemandem dabei hat, der aus der Stadt kommt, in die man reist. Man verschwendet z.B. keine Zeit damit, stundenlang im Internet nach einem guenstigen Hotel zu suchen, nur um dann in der schmierigsten Spelunke in der uebelsten Gegend voellig abseits vom Schuss zu landen. Man trifft nicht andauernd die gleichen Leute wieder, die den gleichen Reisefuehrer in der Hand haben. Man isst kein mittelmaessiges Essen in ueberteuerten Restaurants und man verbringt auch nicht den halben Tag damit, Landkarten zu studieren, nur um sich am Ende doch zu verfahren.


Der Bruder

Als wir frueh morgens in Beirut landeten, wartete am Flughafen schon Alis Bruder mit unserem Mietwagen auf uns. Ohne dass Ali wahrscheinlich auch nur die leiseste Ahnung davon gehabt hat, ging es direkt zu einem meiner Beirut-Highlights- zu seiner Familie.


Eigentlich wollte er nur kurz bei seiner Mutter vorbeischauen und Guten Morgen sagen. Sie weiss zwar, dass Ali schwul ist, aber die Lage ist trotzdem alles andere als entspannt. Muslimische Wertvorstellungen sind in der Hinsicht anscheinend nicht wirklich foerderlich. Ich sollte also derweil draussen auf ihn warten.

Die Einladung

Ungeplanterweise hat ihn dann seine Mutter aber zum Fruehstueck eingeladen und nett wie sie ist, mich gleich mit. Was fuer uns beide ein wenig unerwartet kam. Als wir die ausgelatschten Steintreppen des ueberholungsbeduerftigten Treppenhauses des Altbaugebaeudes hochstiegen, wurden mir noch hastig ein paar Instruktionen zugezischt: Ich sei ein heterosexueller Arbeitskollege von seiner Universitaet, Deutschlehrer. Und nicht vergessen: Auf keinen Fall zur Begruessung von Frauen die Hand ausstrecken.

Die Couch

Als wir oben ankamen, wurde ich erstmal von Ali ins Wohnzimmer gewuchtet, woraufhin er wortlos verschwand und ich mich alleine auf einer altmodischen Couch wiederfand. Da seine Familie zwar wusste, dass er uebers Wochenende zu Besuch war, nicht aber, dass er noch jemanden mitbringen wuerde, mussten anscheinend erstmal alle weiblichen Familienmitglieder entsprechende Massnahmen ergreifen und sich angemessen kleiden, sprich die Haare mit einem Kopftuch bedecken. Da sass ich nun- allein, ungeduscht, hundemuede, ohne zu wissen, was los ist und ob des ganzen Wirrwarrs mit einem mulmigen Gefuehl im Magen und harrte, waehrend mir aus dem laufenden Fernsehapparat arabischsprachiges Freitag-Morgen-Fernseh-Programm entgegenplaerrte, der Dinge, die da kommen mochten.

Arabischkurs

Nach ca. fuenf Minuten, die mir wie eine kleinen Ewigkeit vorkamen, oeffnete sich die Wohnzimmertuer und der Kopf eines kleinen Maedchens schob sich durch den Tuerspalt. Sie laechelte mich verlegen an und verschwand daraufhin kichernd, nur um einen Augenblick spaeter mit einem noch kleineren Jungen wieder aufzutauchen.

Mit dem Kleinen, bei dem es sich allen Anscheins nach um ein hyperaktives, pfiffiges Kerlchen handelte, konnte ich mich leider nur mit Haenden und Fuessen verstaendigen, aber das Maedchen sprach ueberraschend gut Englisch. Ihr Name sei Sara und ihr Cousin heisse Khalil. Bei beiden handelte es sich um Neffen/Nichten von Ali. Sie konnte es kaum begreifen, dass ich kein Arabisch sprach und hat deswegen spontan beschlossen, mir die Sprache beizubringen. Sie lief von einer Ecke des Raumes zur anderen, deutete auf diverse Gegenstaende und nannte ihren arabischen Namen. Zwischendurch tauchte ein weiterer Neffe auf- Hani, der etwas schuechterner als die beiden anderen war, dafuer aber anscheinend besser Englisch konnte, weswegen Sara ihm, wann immer sie nicht weiter wusste, ins Ohr fluesterte und er offensichtlich die Uebersetzung zurueckfluesterte.

Zu dumm

Sie hat aber schnell begriffen, dass ich ein hoffnungsloser Fall bin, dem man angesichts mangelnder Auffassungsgabe nicht in einer Viertelstunde eine neue Sprache beibringen kann. Deswegen ging der Arabisch-Kurs fliessend in ein Flummispiel ueber, welches ich aber abrupt abbrach, als Alis Schwester und Bruder den Raum betraten.


Der Libanon war Jahrhunderte lang von immer wieder anderen Maechten besetzt, nach dem Ersten Weltkrieg jedoch ging es an Frankreich. Erst in den 40ern wurde es unabhaengig. Da Franzoesisch aber in der Zeit des fransoesischen Regimes eine der offiziellen Landessprachen war, ist die Sprache weiter verbreitet als Englisch, z.B. sind die meisten Schilder in der Stadt in Arabisch und Fransoesisch. Ali ist der Einzige von seinen Geschwistern, der English educated (Englischsprachige Schullaufbahn) ist, weswegen ich mich dann leider kaum mit Alis Geschwistern unterhalten konnte.

Bei Alis Familie handelt es sich offensichtlich um eine moderate muslimische Familie. Der Vater hat z.B. keiner seiner Toechter vorgeschrieben, ein Kopftuch tragen zu muessen- es sei ihre eigene Entscheidung. Vor ein paar Jahren hat sich auch die letzte zum Kopftuch entschieden.

Die Mutter

Zu guter letzt kamen auch Ali und seine Mutter ins Wohnzimmer, in dem es mittlerweile recht gemuetlich wurde. Ich hatte ja schon viel davon gehoert und gelesen, dass man in der arabischen Welt Frauen zur Begruessung nicht die Haende schuettelt, aber als es dann wirklich mal soweit war und ich seiner Mutter vorgestellt wurde, kam ich mir unhoeflich vor- einfach nur aufstehen, hoeflich zunicken, anlaecheln und Hi sagen fuehlt sich so unvollstaendig an. Irgendwas fehlt. Irgendwie.


Wie auch immer- seine Mutter ist eine beeindruckende Person. Ich war hin und weg. Spaeter sassen wir alle (Ali, sein Bruder, einige Schwestern, zig Kinder und ich) beim Fruehstueck zusammen und auf der einen Ecke sass seine Mutter, in sich ruhend, laechelnd, bescheiden und stolz auf einmal. Ihr Mann arbeitete schon seit etlichen Jahren in Saudi-Arabien und das Leben mit so vielen Kindern vor allem waehrend dem Krieg war nicht immer einfach.

Man konnte ihr deutlich ansehen, dass sie sehr stolz auf ihre Familie ist, wie sie allesamt freitags morgens zum Fruehstueck auflaufen. Was aber fast schon etwas beunruhigend wirkte, war ihr messerscharfer Blick- zwar freundlich, aber durchdringend und zusammen mit einem kaum wahrnehmbaren, fast schon verschmitzten Laecheln um ihre Mundwinkel schien sie mir, waehrend sie uns traditionelles libanesisches Frueshtueck auftischte, sagen zu wollen: "Heterosexueller Arbeitskollege- das glaubst du ja wohl selbst nicht..."

Das Frühstück

Das Fruehstueck war zudem auch noch sehr lecker: Libanesisches Brot (sehr flache Weissbrotfladen), Tee, Labneh (ein Zwischending zwischen Joghurt und Kaese), Jebneh (Kaese) und Foul (Kichererbsen-Bohnen-Salat mit Zitrone (fuer alle, die sich schon immer gewundert haben, weswegen die Kichererbse Kichererbse heisst: Ihr botanischer Name ist Cicer arietinum und Cicer ist Latein fuer Erbse, hat leider nichts mit kichern zu tun))- und das alles ohne Besteck. Es war fantastisch!


Du magst dich jetzt wundern, weswegen ich einen so langen Bericht ueber ein einziges Fruestueck verfasse, aber bevor ich in den Nahen Osten gezogen bin, hatte ich mir das Leben hier ja sehr viel exotischer vorgestellt- schlussletztendlich unterscheidet sich mein Leben in Dubai aber kein Stueck von dem in anderen Grossstaedten, in denen ich schon gelebt habe- vom mangelnden Freizeitangebot und der fehlenden Identitaet der Stadt mal abgesehen. Dieses Fruehstueck dagegen bot genau das, was ich mir von meinem Dubaiaufenthalt erhofft hatte- etwas Neues, neue Kultur, neue Gebraeuche, neue Erfahrungen- der Grund, der das Leben in einem anderen Land erst richtig interessant macht! Danke Ali!

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Straight German teachers

The travel guide

It makes a big difference if you travel to a new country and you have someone with you who comes from the city you are travelling to. You don't waste hours and hours searching the internet for a chaep accomodation just to find yourself in a smelly room in a dodgy area far away from the city center. You don't meet the same people over and over again carrying the same travel guide book. You don't eat medicore food in over-priced restaurants and you don't end up spending half the day looking at maps just in order to get lost anyway.

The brother

When we arrived in Beirut early in the morning, Ali's brother was already waiting for us at the airport with our rental car. Although Ali probably wasn't aware of it, we were heading towards my Beirut highlight straight away- his family.


Actually he just wanted to pop by his mother's place to say Good morning to her. Although she knows that he is gay, the situation is not really relaxed. Appaerently Muslim background doesn't make it any easier, so he asked me to wait outside.

The straight German teacher

She asked him to stay for breakfast though and invited me as well, which none of us has expected and we haven't been prepared at all. While we were stepping up the worn-out stone stairs of the old building up to the flat of his family, he quickly whispered some instructions to me: If someone asks- you are a straight colleague from my university, German teacher. And don't forget: Never offer to shake hands with women when you get introduced.

The couch

When we arrived in the flat upstairs, Ali directed me to the living-room and disappeared without telling what's going to happen next. His family knew that he would be visiting Beirut this weekend, but as they didn't know that he will bring a friend along I assume he had to give the female members of his family the opportunity to dress appropriately, that is to cover their hair. So I found myself sitting on an old-fashioned couch, all by myself, without having had a shower, really tired and (because I didn't know what is going on) slightly nervous, and was waiting for whatever would happen next.

Arabic lesson

For a couple of minutes nothing happened and I was just sitting there listening to an Arabic Friday morning TV show. Eventually the door open slightly and a young girl peeped at me. She seemed to be a bit embarassed when I looked back and she disappeared. For a moment I could hear her giggeling outside and after a while she came back with an even younger boy.


Appearently the young boy is a hyper active, clever boy, but too young to be able to speak English. The girl's English was surprisingly good though. Her name is Sara and the boy is her cousin Khalil. They are both nephews/nices of Ali. She could hardly believe that I wasn't able to speak Arabic, so she decided to teach me the language. She ran from one corner of the room to another, pointing at things and telling me the Arabic word for them. In the meantime another boy appeared- Hani, a bit shyer than the others, but his English was even better than Sara's, so whenever she didn't know a word, both of them were whispering for a while negotiating over the English translation.

Too stupid

But she realised pretty quickly that I was useless in languages and that I wasn't clever enough to learn a new language in 15 min, so we stopped the Arabic lessons and started playing with a rubber ball which I stopped abruptly when Ali's brother and one of his sisters entered the room.


Over the centuries, Lebanon was occupied by a lot of different countries, but after World War I, Lebanon was ruled by France until it finally became independant in the 40s. But as French has been one of the official languages for that period, French is more common than English- for example most of the signs in Beirut are in Arabic and in French. Ali is the only one of his sisters and brothers who has been English educated (went to English speaking schools and colleges), which made it quite hard to communicate with anyone else than Ali.

Obviously Ali's family is a moderate Muslim family and his sisters could decide for themselves whether to cover their hair or not. A couple of years ago, the last of hs sisters decided to wear the headscarf.

The mother

Finally Ali and his mother came to the living room which was nicely crowded by then. I already heard and read a lot about that in the Arabic world you are not supposed to shake hands with women. But when it finally happened to me for the first time when I got introduced to Ali's sisters or his mother, it still felt kind of strange. I felt rather impolite just to get up, smile and say Hi. Something was missing and it just didn't feel complete.


At any rate- his mother is an amazing person. Later on we all gathered around the table to have breakfast together- Ali, his brother, some of his sisters, a bunch of children and me and his mother was sitting at the corner of the table, calm, smiling, looking humble and proud at the same time. Her husband started to work in Saudi-Arabia a couple of years ago and life with so many children certainly wasn't easy all the time- especially during the war. You could see how proud she was of her children who come along to have breakfast together. But there was something about her face- when she looked at me with her sharp eyes, in a friendly but piercing way and her sly smile while she was preparing the traditional Lebanese breakfast, I could almost hear her thoughts "Straight colleague- who are they kidding..."

The breakfast

The breakfast was very good: Lebanese bread, tea, labneh (similar to yoghurt or cheese), jebneh (cheese) and foul (a salad made from chickpeas, beans and lemon) to be eaten just using your hands rather than a knife or a fork. It was great!


You might be surprised that I write such a long post about a single breakfast, but before I moved to the Middle East, I thought my life would be much more exotic. But Dubai turned out to be no different to any other big city I have lived in before- apart from being more boring and apart from not having an identity on its own, whereas this breakfast offered all I was hoping for when I moved to Dubai: something different, new culture, new habits, new experiences- the reason why living abroad is that exciting! Thank you so much, Ali!

8 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

I’m so jealous Marco! If I ever make it to Dubai before you leave, do you think we could stop by Ali’s family in Lebanon for breakfast? I don’t mind being introduced as another straight German teacher! I’m absolutely delighted to get some first hand information about the conflicts in the Near East. Thanks Ali!

Marco hat gesagt…

Who posted this comment?

Let me guess- 'absolutely delighted', interested in politics, not very familiar with computers and 'Near East': sounds like Nadine.

Aber irgendwie kann ich sogar vor hier aus einen fränkischen Akzent raushören...

Anonym hat gesagt…

That's not an frankonian accent, it's an scottish one my dear! And who says I'm not very familiar with computers?

Liane

Anonym hat gesagt…

Marco,
i beleive that it was an intereting an exciting trip to you. Hope it enriches your knowledge about living in & between oriental societies...
On the other hand, im really impressed by the way you described the events starting from the airport, my parent place, my mother, the children & even the white lie about the Straight german teacher..
I'd like to highlight on some points & hope it will be clarified for u & other readers..

--> Shaking hands in islam
The general rule in islam, that shaking hands with opposite sex ( only those u can't marry) is forbiden. Although, some moderate islamic scholars announced that shaking hands also depends on the situation you are in. Myself, i beleive that shaking hands was forbidden becuase the sexual desires effects either before or after..

-->Dressing in islam:
Dressing in islam, is subjected to some rules:
- for women:
*should be decent, covering here body, except here face, hands & feet.
* A scarf or hijab, is a must to cover here hair.
* However, when she;s home & between her family, a women can be more comfortable with here dress, as she can putt off here scarf ( hijab), & she can show up other parts of here body.

-For men:
dressing is different, as he can dress anything, but covering at least the lower part, from the naval till the knees.

--> im sorry to let you wait for a while you were in my family place, but that was to tell the family that they should dress properly inorder to welcome you.

--> You have experainced the oreintal traditions, despite if they shake hands with you or not, the warm greeting was still & u felt it i reckon.

--> Hope you enjoyed the oreintal traditions & you learned something new..as you will be always welcomed to come over...Besides, my necies & nephew u met always ask me about my freind Marco, specially the hyper active guy, Khalil.

Anonym hat gesagt…

Na, die scheinen ja doch recht liberal zu sein, die arbeitszeiten in dubai, falls man nicht gerade auf der baustelle schafft - trips in den libanon, nach dem oman... bist wohl nur noch im büro, um den blog auf den neuesten stand zu bringen, was?

anyway, was kann ich neues aus london berichten?

der götter-ex-gatte kommt am mittwoch aus brasilien zurück, um zunächst mal bei mir unterzukommen. ob das so ein brilliante idee ist, wird sich noch weisen müssen. ich habe böses gesehen, wie tante luckard in der geierwally sagt...

ich selbst hab mich dafür sterblich in den perfekten mann verknallt, den ich, wieder mal, in der sauna aufgegabelt habe. perfekt, abgesehen davon, dass er in new york lebt. (obwohl, come to think of it, wie ich mich kenne, ist das wahrscheinlich sogar besser so.) und abgesehen davon, dass er mal öfter emailen könnte...

die russell'sche will ihren 40. auf gran canaria feiern, ende april, mit mir und stan. gran canaria! maspalomas! und das mir! ich hatte ja für rom plädiert, berlin, prag, sizilien, zypern - irgendwas, was neben schwulen-discos, übergewichtigen leder-trienen und sand auch noch kultur zu bieten hat. aber nein! es musste gran can sein! auf mich hört ja keiner! aber bitte sehr, werd ich mich halt tagsüber mit nem stoss bücher im apartment einschliessen und bloss nachts rauskommen, um die tanzveranstaltungen zu besuchen. vielleicht kommt dann auch mal was für die diss zustande, die blöde einleitung ist immer noch nicht fertig, dafür bald ich mit den nerven.

anyway, falls sie wieder mal ein paar tage frei haben, frau klein - tel aviv soll auch sehr nett sein, hab ich mir sagen lassen. gutes nachtleben. meinte jedenfalls diese israelische schnitte, mit der ich mir im sommer das zimmer in lecce geteilt habe. oder sie kommen halt ins königreich zurück, wir warten sowieso schon.

gruss und kuss,
loretta de mar

Anonym hat gesagt…

I wish not approve on it. I think warm-hearted post. Expressly the title attracted me to study the whole story.

Anonym hat gesagt…

Nice dispatch and this mail helped me alot in my college assignement. Thank you for your information.

shaunism hat gesagt…

That is pretty cool! When are we going to Beirut?!